Die Menschenrechte ertrinken im Mittelmeer

Veröffentlicht am 6. Juli 2026 um 11:54

In Erinnerung an Jean Ziegler – Odysseus findet die rettende Küste

Schweizer Ex-Politiker Soziologe Jean Ziegler mit 92 Jahren gestorben

Stand: 10.06.2026 • 15:26 Uhr

So titelt die Tagesschau.de und schreibt im Nachruf:

"Er gehörte zu den schärfsten Globalisierungskritikern, prangerte Kapitalismus und Profitgier an - und er polarisierte, vor allem auch in seiner Heimat Schweiz. Nun ist der Soziologe Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren gestorben."

Ich bin erschüttert über diese Nachricht. Erschüttert steh ich in meinem Arbeitszimmer und suche in meiner kleinen Bibliothek nach etwas Greifbaren: "Die Schande Europas".  

Wie ein Kleinod halte ich das in schwarze Leinen gebundene Buch in den Hände und lasse mich in den Bericht über das Flüchtlingscamp Moria hineinziehen.

In diesem Blog-Beitrag möchte ich das Integralsystem auf das traurige Kapitel der EU-Politik anwenden.

 

I. Das Readymade der Realpolitik: Die Brüsseler Leere

Während die Wellen des Mittelmeers stumm die Zeugnisse eines kollabierenden globalen Gewissens verschlingen, wird uns in den klimatisierten Hallen von Brüssel ein anderes Schauspiel dargeboten. Am Abend des 23. Juni 2026 verkünden Beamte der EU-Kommission stolz Gespräche auf einer sogenannten „technischen Ebene“. Man verhandelt mit den Gesandten eines totalitären Regimes über Abschiebe-Infrastruktur und Charterflüge.

Es ist das vollendete Bild der Entropie. Das herrschende System verwaltet nur noch seine eigenen Defizite an der Peripherie und betreibt dabei einen beispiellosen Substanzabbau am eigenen, ethischen Fundament. Wo die reine Logistik triumphiert, wird die Ehrfurcht vor dem Leben zu einer unbedeutenden Nebenvariable degradiert. Die Menschenrechte werden nicht mehr nur ignoriert – sie werden in Formularen und Verträgen ertränkt. 

II. Der Aufstand des Gewissens: Das Erbe des Jean Ziegler

Am 10. Juni 2026 ist Jean Ziegler im Alter von 92 Jahren von uns gegangen. Zeit seines Lebens war er das unbestechliche, weithin sichtbare Steuerungskreuz gegen dieses Imperium der Schande. Ziegler hat die unerträgliche Wahrheit ausgesprochen, die heute in Brüssel hinter technokratischen Phrasen versteckt wird: Dass der unregulierte Hyper-Konsum und die künstlich gesteuerte Gier der reichsten zehn Prozent die Fluchtursachen und den Hunger an der Peripherie mathematisch erzeugen. 

Ziegler forderte den radikalen „Aufstand des Gewissens“ – die bedingungslose Aktivierung der inneren Fakultät des Ichs. Er weigerte sich, ein betäubter Resonanzboden für ein zerstörerisches System zu sein. Nun schweigt die Stimme für die Menschenrechte. Wer führt den Kampf für die Anerkennung jener Entrechteten nun weiter, deren Heimat im Wahnsinn der Kriege, Ausbeutung und Klimakatastrophe zerstört wurde?

III. Die Lichtung: Odysseus findet die rettende Küste

Doch Zieglers Heimgang ist kein Aufruf zur Resignation. Sein letztes Vermächtnis war ein Buch des Trotzes: „Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe“.

Hier schließt sich der Kreis zu deiner Headline: Odysseus, der ewige Suchende, der Prototyp des gepeinigten Menschen auf den Meeren der Welt, erleidet unendliche Brüche durch die Entropie der Götter und Märkte. Doch am Ende der Irrfahrt steht nicht der Untergang. Odysseus findet die rettende Küste. Die Küste ist das Integralsystem. Es ist die unbestechliche, kybernetische Ordnung, die Ethik und Struktur endlich miteinander versöhnt. 

Aber was passiert aktuell? Die Nachrichten in den Medien bleiben abstrakt und somit für die Menschen in der „Festung Europa“ (im Übrigen ein Begriff aus der NS-Zeit) unfassbar oder unbegreiflich. Die nationalistischen Ideologien benutzen das Leid der Flüchtlinge als Futter für ihre Angst-Propaganda und schüren das Feuer der Bedrohung durch das Fremde.

Hier erläutert Dr. Martin Große Hüttmann anschaulich die Historie und Entwicklung der europäischen Flüchtlingspolitik, und es gipfelt in einem weiteren traurigen Kapitel und einem Versagen der EU und ihrer ethischen Werte:

Kernpunkte des neuen Asylpakts 2026:

  • Asylverfahren an den EU-Außengrenzen
  • Rückführungszentren außerhalb der EU
  • Solidaritätsmechanismus
  • Ausweitung der sicheren Herkunftsländer

Wird hier ein weiterer Bruch mit der Genfer Menschenrechtskonvention institutionalisiert?

Szenenwechsel:

Meine Frau rüttelt an meiner Schulter und schreit: „Wach auf, Odysseus!“

Der eiskalte Sturm peitscht mir den Regen schmerzhaft in die offenen Wunden, die von Kleidungsfetzen kaum noch bedeckt sind. Ich schaue verängstigt ins Leere. „Sie sind alle ertrunken – die Freunde, die Fremden, unsere Kinder.“ Der Wind trug ihre Schreie in den Olivenhain, dorthin, wo Jean Ziegler stand, um sich ein Bild von der Schande Europas zu machen und mit den Menschen, den Flüchtlingen, zu sprechen. Und nun liege ich selbst in dem stinkenden Morast, und das apokalyptische Ausmaß des verheerenden Sturmes lässt mich verzweifelt weinen.

Im Traum nimmt mich jemand in den Arm und flüstert: „Wach auf, Odysseus!“ Mit schlimmen Schmerzen in den Gliedern richte ich mich, gestützt von der fremden Gestalt, auf und folge ihrer Führung die Hänge hoch. Mir ist, als irrte ich weiter in meinem Traum, und spüre die Dornen und Äste im Gesicht und auf der Haut. Die Sonne geht im Osten auf und gegen Mittag erreichen wir eine nördliche Bucht. Versteckt liegt ein kleines Boot und wir ziehen es ins Wasser. Wind, Strömung und die Götter sind wohlgesonnen, und so treiben wir mit wenig Anstrengung Richtung Festland.

Endlich kann ich ins Wasser springen und die letzten Meter zum Strand durch das Gewässer schleppen. Die Erschöpfung ist mir längst, wie auch die Schmerzen in den Knochen, zur zweiten Natur geworden. Meine Begleitung geht den Strand entlang, löst sich im Dunst des Abends auf und entschwindet meinen Augen. So lege ich mich abseits unter einen schützenden Busch und schlafe lange Zeit. Und als ein Morgen mich mit seinen Rosenfingern weckt, ist es schon im späten Herbst. Meine Kleidung ist kein Schutz gegen Kälte, Wind und Regen. Die innere Leere wird jäh von einer bekannten Stimme erfüllt und ich spüre, dass ich mich auf die Reise machen muss. 

Nach Monaten der nächtlichen Wanderungen komme ich endlich in einer großen Polis an und wundere mich über die vielen Lichter, Geräusche und Menschen. Meine Erscheinung lässt sie sichtlich angeekelt ausweichen und an mir vorbeihuschen. Endlich komme ich an die Säulenhallen und das Kuppelgebäude. Oft hatte ich davon geträumt. Die Tür wird mir von meiner bekannten Begleitung geöffnet und ich betrete die Versammlung. Auf den Rängen sitzen, wie in einem Atrium, die ehrwürdigen Gäste, jene Mahner, die oft verhöhnt und verlacht wurden, und schauen verwundert nach unten.

Stille – alle Politiker im Saal sind verstummt – meine erbärmliche Bettlergestalt wandelt sich in Königsgewänder. Pallas Athene reicht mir meinen Bogen und ich spanne die Sehne. Mein Pfeil donnert rauschend. Die versammelten PolitikerInnen halten sich schreiend die Ohren zu, weil die Luft schrillend vibriert. Der Pfeil trifft die korrupten Schmarotzer ins Herz und dann dringt die Metallspitze in den Adler. Die wenigen Rechtschaffenen senken beschämt ihre Häupter. Sie sind sich ihrer Schuld im Klaren.

In tiefer Ehrfurcht vor dem großen Kämpfer: Jean Ziegler.