Im Entstehen ist, der Anfang vom Vergehen
Wo das Wort das Bild berührt
In den Zeilengängen verlassen die Gedanken das bloße Manuskript. Hier begegnen sich Lyrik und Grafik auf Augenhöhe. Jedes Gedicht, jedes Textfragment wird von einer eigens geschaffenen Grafik begleitet – nicht als bloße Illustration, sondern als visuelle Fortsetzung des Geschriebenen.
Es ist ein Wandeln zwischen den Sphären: Während die Zeilen den Rhythmus vorgeben, fangen die Grafiken die Stimmung ein, die zwischen den Worten liegt. Ein Spiel aus Licht, Schatten und Form, das dazu einlädt, den Blick verweilen zu lassen.
Tanzwut
Die Gruppe tanzte gleichgesinnt um ein schönes, großes Lagerfeuer. Die Männer hatten schon Tage zuvor mit dem Holzschlagen im nahen Wald begonnen, und der Scheiterhaufen brannte lichterloh. Die Frauen waren hübsch gekleidet, die Mädchen mit Zöpfen und Blumen im Reigen, die Burschen tatkräftig beim Kräftemessen und die Männer im Kreise; sie berieten, diskutierten und beschlossen: „Das ist das richtige Leben!“ Und alle tanzten weiter und waren glücklich. Die Männer nahmen ihre Frauen an den Hüften, die Mädchen die Buben an den Händen zum Glückstanz. Wie im Glücksrausch tanzten alle bis zum Morgengrauen.
Den Männern war klar geworden, dass ihr Glück von anderen Gruppen geraubt werden würde. Das musste verhindert werden.
Im Hohen Haus trafen die Glückstänzer auf die Vertreter anderer Menschengruppen, und es wurde diskutiert, gestritten und abgestimmt. Nur die Lagerfeuertänzer hatten Recht, und alle anderen waren im Unrecht und hatten keine Ahnung vom glücklichen Leben.
Es standen Wahlen im Land an, und so beschlossen die Männer vom Volk der Glückstänzer, den anderen Menschen im Land vom wahren und glücklichen Leben zu erzählen. Und so tanzten die Volksvertreter auf den Marktplätzen der Dörfer und Städte. Die Fensterscheiben vibrierten vom Stampfen der Schuhe im Takt der Glückstrommeln. Es war ein Taumel und Rausch. Die Bevölkerung rannte bald in Tanzwut durch die Gassen und Straßenzüge und johlte Parolen.
Die anderen Vertreter versuchten vergeblich, gegen das Glücksgeschrei auf den Plätzen, in den Gassen und in den Versammlungen mit Argumenten und Fakten der realen Situation im Land die Menschen zu erreichen. Es war ein Riss durch das Land entstanden. Die einen hatten Angst und die anderen waren im Glücksrausch. Die Wahl wurde gewonnen und wurde verloren. Und so bekriegten sich die Vertreter der Gruppen im Hohen Haus. Und wie sah es in den Dörfern und Städten aus?
In den Schulen wurden Kinder anderer Herkunft ausgegrenzt, gegängelt und beleidigt. Die Lehrerschaft war geteilt in Glückliche und Unglückliche. Die Vereine wurden neu eingekleidet, und man sah bei den Versammlungen sofort, wer zu welchem Lager gehörte. Die Fremden trauten sich nur noch nachts aus ihren Wohnungen und huschten von einer dunklen Ecke zur nächsten. Manches Mal schwappte der Glücksrausch über und es kam zu kleinen Hetzjagden. Es herrschte Angst und Verunsicherung, und viele der fremden Menschen im Land entschlossen sich auszuwandern.
Es gab nun zwei Lager im Hohen Haus: Die glücklichen Lagerfeuertänzer mit ihrem Gefolge, das von den Rängen die Parolen skandierte, und die Unglücklichen, welche sich mit ihren Lebensmodellen gegenseitig das Leben schwer machten. Es dauerte nicht lange, bis es zu einem Machtwechsel kam. Das war ein Geschrei in den Dörfern und Gemeinden! Es wurde wieder mit Fackeln marschiert, und auf die Häuser wurden riesige Schatten der Tanzenden geworfen.
Nach einiger Zeit wurde es wieder stiller im Land, und das Glück zerrann den Menschen in den Händen. Die neuen Machthaber hatten auf einmal die gleichen Sorgen und Probleme wie die alten und konnten die Zeche nur mit Verschuldung bezahlen. Und so trieben sie die Schuldigen und Beschuldigten wie Schweine durch die Dörfer – und aus dem Glücksgeschrei wurde alsbald ein Schlachthofgebrüll
Meine vier Wände
Mir kam es schon seit einiger Zeit, einigen Tagen, vielleicht unbewusst seit Wochen oder Monaten, seltsam vor. Meine Furcht, dass es schon seit Jahren passiert. Als ich aufwachte an diesem Tag, regnete es in Strömen. Trüb sah der Morgen in mein Schlafzimmer herein und gräulich waren die Gegenstände auf den Möbeln, die Bücher wirkten modrig. Es war dieser feuchte Geruch von Staub im Zimmer. Ich wälzte meinen schweren und schmerzenden Körper an die Bettkante und ließ mich mit wenig Kraftaufwand in eine gekrümmte Sitzhaltung rollen. Mühselig und auf wackeligen Beinen ging ich durch die verschlossene Tür in die Küche.
Dort wurde ich von fremden Menschen angeschaut. Sie sahen anders aus als ich, eigenartig, kleiner, mit einer anderen Farbe. Ihre Sprache war glucksend, murmelnd. Ich wurde nicht beachtet. Ich machte mir einen Kaffee und die Personen wichen aus, sobald ich in ihre Nähe kam. Ich war verwirrt von dem Getümmel in meinen vier Wänden. Im Flur begegnete ich weiteren Personen des gleichen Typs und so stolperte ich ins Badezimmer. Dort teilte ich es mit einem Mann und drei Kindern, welche sich am Waschbecken die Gesichter vom Schlaf reinigten. Der Mann rasierte sich. Ich gab mir etwas Zahnpasta auf meine Zahnbürste und schaute mir im Spiegel zu, wie sich mein Gesicht zu Grimassen verformte. Die Kinder kicherten bei dem Anblick. Mein Gebiss hatte etwas von einem Pferdegebiss, musste ich zugeben.
Und so machte ich mich nach dem Anziehen meiner abgewetzten und löchrigen Kleider auf den Weg ins Büro. Es war ein monotoner Tag, grau, verregnet und verging in ebenso eintöniger Einförmigkeit. Abends kam ich nach Hause. Die Wohnungstür stand offen und mich erwartete das gleiche Gemurmel wie am Morgen. Die Menschen nahmen kaum Notiz von mir.
Nach einigen Wiederholungen dieses komischen Gefüges machte ich mich auf den Weg zu einem Rechtsanwalt, weil ich meine vier Wände wieder für mich haben wollte. Der Advokat schaute den mitgebrachten Vertrag durch und meinte lapidar, dass im Kleingedruckten die Mehrfachvermietung der Wohnung eingeräumt werde, wenn die ökonomische Lage in der Stadt es notwendig mache. „Haben Sie das nicht gelesen, als Sie den Vertrag unterschrieben?“, schulmeisterte er mich und entließ mich aus seiner Kanzlei. Unschlüssig ging ich durch die Straßen Richtung Zuhause und murmelte vor mich hin: „Es sind meine vier Wände.“
Dabei bemerkte ich, dass meine Sprache derjenigen ähnelte, welche die Kleinwüchsigen sprachen oder besser gesagt glucksten. Zuhause angekommen, waren die Leute schon beim gemütlichen Nachmittagskaffee, es duftete nach Kuchen und die Kinder lachten fröhlich. Ich wurde herzlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Ich liebe Kuchen.
Die Texte sind im Sammelband Schattenflur enthalten
Die Raben
Dann saßen die Raben auf dem Dach des Autos und balancierten, wie, wenn sie auf einem Ast eines im sturmgebeugten Baumes, dem Klang des Windes lauschend. Herr Frey hatte es, wie immer gut gemeint, ...
Eine Geschichte aus dem Leben in Thiersee.
Im Kreis
Gehen im Kreis
von Null bis Null
unter nächtlichem Himmel
Verliebt in Gedanken
Viele Augen des Einen
Kinderhände fassen einander
Wenn Du mir nur der Nächste
wärst.
Mann ohne Welt
Der Tag begann schon mit einem Verschlafen und so war die rennende Zeit in den frühen Morgenstunden noch schneller im Morgengrauen vergangen als sie es sich eh schon zur Gewohnheit gemacht hatte...
Ein bedenklicher Tagesablauf findet dann doch zur Ruhe
Schattenflur
Inspiriert durch eine hiesige Begebenheit.
Über Steine und Moos trällert der kleine Bach steil seine herbstliche Melodie. Der erdige Duft erfüllt den Tobel und glitzert in den Tautropfen und spielt mit den Rinnsalen. Eine Wasseramsel fliegt im Frühtau aufgeregt vom Felsen und Stein hin und her, ihr Ruf lässt nichts Gutes ahnen...
Die Steinkratzerin (Roman)
Ouvertüre im Stundenglas
Man blickt zurück, ein Leben ist in wenigen Minuten erzählt, heißt es. Man erinnert sich an die unschönen Dinge, verdrängt die schönen und wälzt sich unruhig im Schlaf. Dabei ist der Traum oftmals erholsamer als die Zeit im Wachzustand, wo man somnambul in den Geschichten des Tages mit Menschen zusammentrifft, umherirrend in der eigenen Odyssee.
Die Geschichte von Herrn Frey versinkt in einer Welt, aus der man froh ist, wenn man wieder herausfindet.
Der Roman entwickelt sich derzeit noch