Ein Essay über die Architektur der Gewaltlosigkeit
Von der Bienenkönigin zur sozialen Wärme
Ein Essay über die Architektur der Gewaltlosigkeit
1.0 Die Königin als Funktionseinheit
Es ist immer ein spannendes Naturerlebnis, wenn man als Imker den Bienenstock öffnet und mit allen Sinnen in die Welt der Immen eintaucht. Der Duft von Nelkenöl beruhigt die Tiere. Mit dem Hebelwerkzeug wird vorsichtig eine Wabe am Rand gelöst, um Platz für die weitere Untersuchung zu schaffen. Das Ziel ist stets, kein Tier zu verletzen oder gar zu töten; Ruhe ist der entscheidende Faktor bei der Arbeit am Supraorganismus „Bienenvolk“.
Der imkerliche Blick wandert über die wimmelnde Masse, bis er schließlich die Königin entdeckt, die ruhig ihre Bahnen zieht. Durch ihre Pheromone steuert sie das gesamte Leben im Staat. Chemische Signalnetze vermitteln jeder einzelnen Biene die fundamentale Botschaft: Wir sind eins!
Hier ersetzt die Identität die Herrschaft. Der Lebenszyklus der Bienen lässt sie organisch in verschiedene Aufgaben hineinwachsen – von der Brutpflege bis zur Sammelbiene. Dies wirft die Frage auf: Was lässt in der menschlichen Gesellschaft Identität mit dem Gesamtorganismus entstehen? In der Biologie sind es chemische Informationen. Das Äquivalent in einer gewaltfreien Gesellschaft hingegen ist die Achtung vor dem Leben, Transparenz in allen Vorgängen und eine ethische Kommunikation. Während die Arbeitsteilung im Kapitalismus oft zu Hierarchie und Ausbeutung führt, ist eine Spezialisierung ohne Abwertung die lebensnotwendige Funktion eines menschlichen Supraorganismus.
1.1 Wertschätzendes Informationsnetzwerk
Das Individuum befindet sich in einem Verbund, um Güter, Dienstleistungen sowie wissenschaftliche oder seelische Forschung für den Gesamtorganismus beizutragen. Entscheidend ist dabei, dass die gemeinsame Wertschätzung des Lebendigen das Miteinander durchdringt. Nur so wird die Harmonie und der Fortbestand des sozialen Körpers geschützt.
1.1.1 Strukturelle Sicherheit vs. moralischer Appell
Während kapitalistische Staatsformen versuchen, Gesetze und moralische Vorstellungen mit Gewalt – in welcher Form auch immer – durchzusetzen, basiert das Integralsystem auf dem individuellen Bewusstsein. Rücksichtnahme und Einfühlungsvermögen führen hier zu einer inhärenten strukturellen Sicherheit, die keiner äußeren Drohung bedarf.
2.0 Soziale Wärme
Ich beobachte, wie die Gewalt- und Kriegsbereitschaft in unserer Zeit immens zunimmt. Vor dem Leid von Mensch, Tier und Umwelt wird kaum noch haltgemacht; ein Wettstreit der Ideologien treibt sein Unwesen, als seien die apokalyptischen Reiter losgelassen.
Im Bienenvolk herrscht eine konstante Wärme von etwa 35 bis 38 Grad Celsius. Wird es außen kalt, bildet die Kolonie eine Wintertraube und hält die Temperatur im Inneren durch energiesparende, solidarische Maßnahmen konstant. Bei Hitze wird durch Luftzirkulation und Wassereintrag gekühlt.
Wenn die gesellschaftliche „Außentemperatur“ durch Krisen sinkt – wie rückt ein menschliches Integralsystem zusammen, um seinen Kern, die Achtung vor dem Leben, zu schützen? Der Kapitalismus als selbstzerstörerisches System hält hierfür kaum solidarische Maßnahmen bereit. Ein neues System muss national, international und schließlich global installiert werden – ein System, das Wärme durch soziale Resonanz und strukturelle Solidarität generiert.
3.0 Eine Exkursion: Joseph Beuys
Es ist schon einige Zeit her, dass ich den „Beuys-Block“ in München besucht habe. Ohne Erläuterung steht man den Begrifflichkeiten, Materialien und Forderungen dieses bedeutenden Künstlers des 20. Jahrhunderts zunächst rätselhaft gegenüber. Doch es ist genau dieses „sozialplastische“ Bild der Bienenkönigin, welches mich zum Denken anregte. Es ermahnt mich als Imker immer wieder, dem Supraorganismus Bienenvolk Achtung entgegenzubringen und von ihm zu lernen. Ein Besuch in der Pinakothek der Moderne lohnt sich für Alt und Jung, um den Gedanken der „Sozialen Plastik“ greifbar zu machen.